
Mannheimer Morgen

15.06.1995

Das Bier in der Hand, den Blues im Herzen
Zum Tode des britischen (???) Gitarristen Rory Gallagher
Von unserem Mitarbeiter Mike Seifert
London. Die alte abgewetzte und völlig verschrammte Fender Stratocaster-Gitarre gehörte ebenso unverwechselbar zu ihm wie das verwaschene Karo-Hemd aus dem Billig-Kaufhaus, das er über seinen zerschlissenen Jeans heraushängen ließ: Rory Gallagher, der jetzt 46jährig in London starb, galt seinen Fans als Inbegriff des bodenständigen Blues-Musikers, der sich auf der Bühne immer wie der Kumpel von nebenan gab. Doch die ungepflegt wirkenden langen Haare und die ausgelatschten Turnschuhe standen im krassen Gegensatz zu Gallaghers filigraner Gitarren-Technik, seinen atemberaubenden Solo-Improvisationen, mit denen er fast dreißig Jahre lang sein Publikum begeisterte.
Geboren am 2. März 1949 im irischen Ballyshannon, lernte Gallagher als Bub die ersten Akkorde auf einer Spielzeug-Gitarre aus Plastik. Doch schon mit 15 war er Profi, reiste mit der Fontana Showband, später in The Impact umbenannt, durch Irland, England, Spanien und die britischen Militärbasen in Westdeutschland. 1966 gründete er das Trio The Taste, mit dem er auch im berühmten Hamburger "Star Club" gastierte, wo einst auch die Karriere der Beatles begann. Doch erst die zweite Taste-Besetzung machte Gallagher ab 1968 zum "Pop-Star eine neuen Art, einem Anti-Helden" inmitten der Glitzerwelt der Rockmusik, der sich statt an Drogen "lieber an ein Bierglas hielt", wie die Londoner Zeitung "The Times" schrieb.
Beeinflusst von Blues-Größen wie Muddy Waters, Chuck Berry und John Lee Hooker, setzte Rory Gallagher zwar keine neuen künstlerischen Maßstäbe: er zählte nie zu den experimentierfreudigen Gitarristen vom Schlage eines Jimi Hendrix oder zu den virtuosen Meistern, die auch stilistisch in keiner Weise eingeschränkt waren. Gallaghers Stärke lag im kraftstrotzenden, gefühlsintensiven Spiel, das sich aus erdigen und unverfälschten Blues-Wurzeln nährte und dabei keinerlei kommerzielle und modische Kompromisse zuließ.
Darum gestaltete sich seine Karriere auch etwas zaghaft: Während Gallagher in Europa schnell zum Star avancierte, von 1971 bis 1973 den Lesern des deutschen "Musik-Express" als populärster Gitarrist galt und auch in Australien, Neuseeland und Japan ordentlich Erfolge verbuchen konnte, gelang es ihm nicht, den von Rockmusikern gerne avisierten, weil höchst lukrativen US-Markt für sich einzunehmen. Seine USA-Tournee war eine ziemliche Pleite, dafür unternahm er im Herbst 1972 eine vier Monate dauernde Gastspielreise durch die Vereinigten Staaten, die bis dahin die längste der Rock-Geschichte war und Gallagher, seit 1971 nur noch unter eigenem Namen firmierend, auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten einigermaßen beliebt machte.
Trotz der ungeheuren Popularität bei seinen treuen Fans - zu denen Gallagher bei Konzerten immer Kontakt suchte und fand -, war der irische Vollblut-Blueser kein Mega-Seller, dessen Platten-Alben sich mehrmillionenfach verkauften. Dafür blieb seine musikalische Qualität gleich, Kritiker bescheinigten ihm unverbrauchte Frische, Spontanität im Vortrag (der selten kürzer als zweieinhalb Minuten geriet) und jede Menge musikalischen Humor, mit denen er seine Solis würzte.
Glaubwürdigkeit war Gallaghers Stärke, Hitparaden-Erfolge gelangen ihm jedoch kaum. Einer seiner bekanntesten Songs blieb "Shadow Play" aus dem achtziger Jahren, seine LPs "Calling Card" (1975), "Jinx" (1982) oder "Defender" (1987) hingegen sind Klassiker des Blues-Rock.

Wir haben diesen Artikel von Michael Heuer zur Verfügung gestellt bekommen. Herzlichen Dank dafür!